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  • Anne Nattermann

Das Spielmannslied: Deutsche Fantasy wie sie sein sollte

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Deutsche Fantasy ist oft nur ein magischer Abklatsch amerikanischer Highschool-Dramen, und man sucht lange, um etwas wirklich Originelles zu finden. Und dann entdeckt man Susanne Pavlovic und söhnt sich wieder mit der deutschen Fantasy aus.

Man könnte sagen, dass ich eine kleinliche, überkritische Leserin bin und hätte damit noch untertrieben. Aber dann kommt manchmal eine Autorin um die Ecke, da fällt selbst Mecker-Anne nicht mehr viel ein, als sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und das Buch schneller zu verschlingen als die Party-Packung Erdnussbutter-M&Ms im Sonderangebot.


Das Spielmannslied ist Pavlovics erstes Buch aus dem fiktiven Reich Abrantes. Die Autorin nimmt uns mit auf die Reise eines unglücklichen jungen Mannes, dessen Lehrjahre ihm nicht viel mehr eingebracht haben, als die bescheinigte Untauglichkeit als Spielmann und einen Kopf voller romantischer Flausen.


Ein Protagonist mit dem Kopf in den Wolken


Wolfram hat eine fast schon intime Beziehung zu fiktiven Sagengestalten. Und er liebt es, von ihren edelmütigen Heldentaten und unsterblichen Liebesgeschichten zu erzählen. Leider tut er das ungern vor einem großen Publikum, und damit ist die Karriere als hauptberuflicher Spielmann eigentlich passé. Sein Meister gibt den Lehrling auf, und Wolfram tut das selbst auch, bis ihn die Küchenmagd Krona als Chronisten anheuert, um ihre Abenteuer für die Nachwelt festzuhalten.


Die Sache hat nur einen Haken: Krona ist noch keine Abenteurerin, sondern mittellose Küchenmagd, deshalb muss möglichst bald ein Drache zum Erschlagen her. Und weil Wolfram die ganze Zeit von Helden und Drachen faselt, muss er der Spezialist in diesen Angelegenheiten sein.


Krona und Wolfram haben nicht viel mehr gemeinsam als die Flausen von Abenteuer und Heldenmut. Nur dass einer von beiden die Sache mit den Abenteuern lieber dem Reich der Fantasie überlassen würde und sich stattdessen ein lauschiges Plätzchen gesucht hätte, um dort seinen Tagträumen und seinem Selbstmitleid nachzuhängen.


Krona hingegen kann es nicht erwarten, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Das gefällt unserem überängstlichen Protagonisten gar nicht, trotzdem folgt er der jungen Frau in fremdes Land. Es ist ja nicht so, als würde irgendjemand anderes auf seine Gesellschaft bestehen. Außerdem verfügt Krona über ein paar Vorzüge, die unseren jungen Spielmann zu spontanen Liebessonetten hätten hinreißen können, wenn Krona ihm dafür nicht die Unterhose über den Kopf gezogen hätte.


Ein ungleiches Paar, beziehungsweise: Leider überhaupt kein Paar


Zu allem Überfluss lesen die beiden unterwegs noch einen elfengleichen Jüngling von adligem Geblüt auf, der Wolframs Chancen bei der kampflustigen Krona auf null reduziert. Sindri ist all das, was Wolfram gern wäre: schön, unerschrocken, kraftvoll und edel. Es dauert nicht lange, da fällt das auch der unnahbaren Krona auf. Und es kommt, wie es kommen muss, wenn schöne Menschen in einer lauen Sommernacht unter dem Sternenhimmel Rast machen.


Liebeskrank und vom Leben gebeutelt wandert Wolfram seinen beiden Glücksrittern wie das fünfte Rad am Wagen hinterher. Während Krona und Sindri tagsüber damit beschäftigt sind, sich gegenseitig zu piesacken, steigen sie nachts zusammen in den Schlafsack. Unseren traurigen Spielmann plagen indes Schlaflosigkeit und Eifersucht.


Damit ist Das Spielmannslied aber kein schnödes Dreieicks-Liebesdrama oder "Selbstmitleidsporno", wie man es oft in deutscher Fantasy findet. Wolfram verehrt seinen Nebenbuhler Sindri noch mehr als Krona. Der junge Adelsspross wickelt den Spielmann mit seinen Sommerhimmelaugen genauso um den Finger wie unsere Drachentöterin in spe, was rührend und manchmal fast bemitleidenswert ist, weil die realen Helden ihrem idealisierten Bild nicht so entsprechen wollen, wie die Protagonisten aus Wolframs Sagengeschichten.

Auch geht es bei Wolframs Liebeskummer viel weniger um die Sehnsucht nach der hübschen, kampflustigen Küchenmagd. Der junge Spielmann ist auf der Suche nach Zugehörigkeit, danach, dass jemand all die verklärten Ideen, die er vom Leben hat, für ihn wahrmacht, damit er sich nicht mit der harschen Realität einer gnadenlosen Welt auseinandersetzen muss.


Publikumsscheuer Spielmann, und trotzdem Publikumsliebling


Wolfram ist ein sensibles, sanftmütiges, aufrichtiges und kluges Kerlchen. Damit hat er vielleicht im Leben und in diesem Buch oft das Nachsehen, aber mein Herz hat er auf diese Weise schon auf Seite zwei fest in der Hand. Er könnte einem mit seiner Träumerei und seiner Schwermut vielleicht auf die Nerven gehen – Krona würde das auf jeden Fall unterschreiben – aber für mich ist diese zarte Künstlerseele in der Top 10 meiner liebsten Fantasy-Helden ganz oben mit dabei.


Susanne Pavlovic hat mit einem derartigen Protagonisten jemand ganz Besonderes erschaffen. Und nicht nur ihn. Die Freundschaft der drei Möchtegern-Helden ist tragisch und traurig, witzig und herzerweichend oder hin und wieder einfach ärgerlich, aber nie lässt sie einen kalt. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte.


Besonders die Freundschaft zwischen Wolfram und Sindri ist ungewöhnlich, zumindest in der Fantasy-Literatur. Liebevolle, schwärmerische Gefühle zwischen erwachsenen Männern kommen in Fantasy-Büchern quasi überhaupt nicht vor, es sei denn, da ist eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte in Planung. Und die strahlenden Helden, die sonst losziehen, um Drachen oder böse Hexenmeister zu bekämpfen, wollen doch meist eher eine Jungfrau oder mal schnell die Welt retten. Nicht aber diesen verzogenen Jüngling, der so hübsch und unbekümmert lächeln kann und hinter dessen aufschneiderischem Getue sich ein kleiner Junge verbirgt, der noch vernarrter in Wolframs Geschichten ist, als der Spielmann selbst.


Susanne Pavlovic macht es sich nicht so leicht wie andere AutorInnen der deutschen Fantasy. Ihre Helden benehmen sich selten heldenhaft, der Nebenbuhler ist kein fieser Kerl und die holde Maid hat offenbar nie gelernt, dass Taschentücher eine Option sind, wenn einem die Nase läuft. Alle drei wären auf den ersten und noch auf den zweiten Blick ziemlich unsympathisch, würde die Autorin uns nicht so tiefe Einblicke und eine Aneinanderreihung an herzerweichenden und witzigen Momenten mit ihnen schenken.


Trotz des märchenhaften Anstrichs der Geschichte sind Wolfram, Krona und Sindri durch ihre Eigenarten näher an der Realität als an der Fiktion. Unsere strahlenden Abenteurer haben Geldsorgen, leiden unter Dauerregen, dem permanenten Aufeinanderhocken und an ihren körperlichen Wunden, die nun mal nicht ausbleiben, wenn man mit gezücktem Schwert durch gefährliches Bergland wandert.


Wo gesäbelt wird, da fallen Tränen


Apropos mit Schwertern herumlaufen: Deutsche Fantasy scheut sich oft, Gewalt im ganzen Ausmaß zu zeigen. Da werden schnell mal mit heroischen Gesten und coolen Sprüchen ein paar Gegner aus dem Weg geräumt. Im Spielmannslied sorgen schon die ersten Kämpfe für ernsthafte Verletzungen, Sorgen und Sinnkrisen, noch bevor unsere Helden überhaupt einen sagenumwobenen Drachen zu Gesicht bekommen. Nichts anderes wäre realistisch, wenn eine übereifrige Küchenmagd, ein verzogener Adelsspross und ein verträumter Spielmann gegen eine wildgewordene Horde Bergschrate kämpfen.


Zu sagen, dass Wolframs Geschichte damit hyperrealistisch ist, wäre natürlich übertrieben. Unser Spielmann wäre der erste, der mir zustimmen würde, wenn ich behauptete, dass eine Erzählung immer überspitzt, geglättet und vielleicht auch ein bisschen gelogen sein muss, damit sie gut wird. Und genau das gefällt mir am Spielmannslied. Susanne Pavlovic bekommt diese Grätsche zwischen Realismus und Pointiertheit hin, um aus der Geschichte eine unterhaltsame und dennoch feinsinnige Lektüre zu machen, die weniger durch ihre fantastischen als durch ihre menschlichen Elemente glänzt.


Deutsche Fantasy mit Witz, Charme und Poesie


Und dann lasst uns mal über die Sprache reden. Die Autorin verfügt über eine witzige, rührende und fast poetische Art zu schreiben. Genau das würde ich in der deutschen Fantasy gern mehr sehen – nicht nur Selbstironie und Feinsinnigkeit, sondern auch ein bisschen poetischer Schwermut, um den man doch nicht drumherumkommt, wenn man sich auf ein Abenteuer begibt, das einen nicht nur gegen Ungeheuer, sondern vor allem gegen sich selbst kämpfen lässt.


Damit gelingt Susanne Pavlovic das, was deutsche Fantasy oft nicht so gut hinkriegt: Sie zeigt echte Menschen, mit echten menschlichen Problemen, mit enttäuschten Träumen und unerfüllten Sehnsüchten, die nicht immer glanzvoll sind. Dabei verrät sie aber nicht ihr Genre, das doch dazu da ist, uns zum Mitfiebern, Träumen, Jubeln und Hoffen zu beflügeln.





Das Spielmannslied ist eine absolute Leseempfehlung. Von mir bekommt die Geschichte 4,5 von 5 heldenhaften Hühnern. Einen kleinen Abzug gibt es für das (meinem Empfinden nach) etwas mit Magie überladene Finale, während der Rest der Geschichte eher sparsam mit Zauberei und Übernatürlichem daherkommt. Ansonsten habe ich dieses fantastische Buch von der ersten bis zur letzten Seite genossen und bin jetzt noch ganz verliebt in die drei Helden. Und auch ein bisschen in die Autorin. Aber bitte nicht weitersagen, ich bin schüchtern.


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