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  • Anne Nattermann

Fantasy – Die peinliche Stiefschwester der richtigen Literatur. Eine Insider-Kritik

Updated: Nov 6, 2019

#fantasy #meinung #kritik

Die Fantasy-Literatur hat es nicht leicht in Deutschland. Warum ist das so?

Fantasy. Ist das nicht nur was für Kinder unter 12, für Leute, die nicht erwachsen werden wollen und für Nerds mit gestörtem Sozialverhalten? Als Fantasy-Autorin habe ich zu dieser Frage und der immer wieder angeführten Fantasy-Kritik natürlich eine Meinung. Genau genommen habe ich mindestens fünf.


Die Phantastik, also die Genres Fantasy, Science-Fiction und Mystery werden in der traditionellen Buchbranche noch immer als peinliche Stiefschwester der Literatur gehandelt. Viele Verleger lehnen Fantasy-Manuskripte von vornherein ab und rümpfen die Nase, wenn man in ihrer Gegenwart das F-Wort erwähnt.


Jetzt könnte man sagen, dass die Nachfrage eben das Angebot bestimmt, doch der wirtschaftliche Erfolg von Self-Publishern rund um die Themen Vampire, Drachen und verwunschene Prinzessinnen zeigt sehr deutlich, dass es einen Markt mit hungrigen LeserInnen gibt.


Warum tut sich also das deutsche Verlagswesen so schwer mit fantastischen Stoffen?


DIe Kritik der Fantasyliteratur dreht sich oft um sprachliche Qualität, Einfallsreichtum und fragwürdige moralische Prämissen. Dabei hat dieses Genre so viel mehr zu bieten, als Vampir-Schmonzetten und glorifizierte Machtfantasien.


Es gibt Geschichten rund um Magie und fiktive Welten, die vor Kreativität, Menschlichkeit, philosophischen und ethischen Fragestellungen strotzen. Viele Genre-Bücher setzen sich auf eine subversive Art mit der Welt auseinander, wie es (meiner Meinung nach) nur Genre-Bücher können.


Für mich ist es leichter, eine Geschichte über die Abgründe der menschlichen Psyche zu lesen (und zu schreiben), wenn sie den Kampf um Mittelerde, statt den Völkermord in Ruanda detailliert beschreibt. Bücher über den Völkermord in Ruanda muss es natürlich trotzdem gehen, aber lese ich die nach einem langen Arbeitstag im Bett? Besser nicht, wenn ich durchschlafen und inspiriert aufwachen will.


Kurzum: Fantasy ist ein tolles Genre, das für Autorinnen und Leserinnen viel Innovation, Reflexion und Inspiration bereithält. Und obwohl ich dieses Genre liebe und als Autorin selbst bediene, kann ich die Kritik an der Fantasyliteratur nicht nur nachvollziehen, sondern muss streckenweise sogar mit einstimmen.


Fantasy ist wertvoll. In der Praxis oft nicht so.


Es gibt viel Literatur in diesem Genre, die sich wie eine schlechte Kopie einer nicht viel besseren Vorlage liest. Immer wieder finden sich die gleichen Stereo- und Archetypen wieder – eindimensionale Versatzstücke, die zu scheinbar neuen Geschichten zusammengesetzt werden:


Der auserwählte Protagonist, der die Welt retten soll.


Der mysteriöse Fremde, der durch seine Respektlosigkeit und seinen Schlafzimmerblick besticht.


Der weise Greis, der als Lehrmeister und Vaterersatz herhalten muss.


Die ermordete Familie als Handlungsimpuls.


Das gesichtslose Böse, das die Welt aus unbestimmten Gründen vernichten will.

Ich. Kann. Es. Nicht. Mehr. Sehen.


Versteht mich nicht falsch. Archetypen sind nicht per se bedenklich. Wenn ich die Handlung für einen neuen Roman konzipiere, greife ich durchaus selbst tief in die Vorlagen-Kiste. Hilflose Prinzessinnen, übermächtige Drachentöter, allwissende Lehrmeister, herzlose Hexen – kann man alles machen. Das Spiel mit Archetypen halte ich sogar für sinnvoll und spannend.


Aber sind ein allwissender Lehrmeister und die herzlose Hexe nicht noch mehr als das? Hat der Lehrmeister wirklich Fragen auf alle Antworten und nur das Beste für unsere Protagonistin im Sinn? Ist die mächtige Hexe, die ein ganzes Land in Angst und Schrecken versetzt, wirklich einfach nur böse? Einfach nur so? Ernsthaft?

Sind Menschen nicht immer viel mehr, als das, was unser Gegenüber auf den ersten Blick sieht? Sollte das nicht auch für Hexen, Orks und sogar Drachen gelten?


Genau hier stoßen sich Fantasy-Kritiker zu Recht – an der Naivität und Faulheit dieses Genres. Die Tatsache, dass unser Held morgens mit dem Drachen zur Arbeit kommt, statt mit der U-Bahn, spricht uns nicht davon frei, unsere Charaktere und unsere Welten mit Realismus und Menschlichkeit auszustatten.


Stellt Fragen. Beantwortet sie nicht alle gleich mit: "Ja, passt schon so".


Was frisst so ein Drache eigentlich, und welche moralischen Zwickmühlen löst das in unseren Helden aus?


Wenn unser Held in den Krieg gegen ein verfeindetes Reich zieht und den Kampf für sich entscheidet, ist er dann am Ende immer noch ein Held?


Wenn wir durch ein Portal in eine fantastische Welt reisen, fehlt uns dann nicht spätestens am dritten Tag unser Wi-Fi, frische Unterwäsche und unsere beste Freundin?


Meine Argumentation für mehr Realismus in der Fantasy fußt nicht auf reiner Pedanterie, auf dem Bedürfnis, Fantasy-Kritikern zu gefallen oder die Phantastik aus ihrer Schmuddelecke herauszuholen. Es ist doch vielmehr so, dass unbequeme Fragestellungen in Büchern das Lesen und Schreiben so viel spannender machen.


Widersprüchlich, verzwickt, menschlich.


Die Zwickmühlen, die sich durch Widersprüche und moralische Implikationen stellen, machen ein Buch doch erst wirklich aufregend, lebendig und menschlich.


Ich will mich nicht hinstellen und behaupten, dass ich als Autorin nicht selbst auch manchmal Dinge tue, die ich an der Fantasyliteratur kritisiere. Auch ich erliege womöglich hier und da den gleichen Versuchungen und Fallstricken der fantastischen Erzählung. Auch will ich meinen AutorenkollegInnen nicht vorschreiben, was sie begeistert und inspiriert oder ihnen die Freude an ihren kreativen Prozessen nehmen.


Aber vor allem als Leserin würde ich mir wünschen, dass sich das schreibende Volk mehr Fragen stellt – dass sie ihren ProtagonistInnen, ihren AntagonistInnen und auch ihren Nebencharakteren mehr Fragen stellen. Fragen, die nicht immer gleich mit "Ja" beantwortet werden, weil es besser in die Handlung oder in den Arbeitsablauf der Autorin passt.


Und ich würde mir auch von Schreibenden aller Genres, ganz gleich ob Buch, Film oder Computerspiel, wünschen, dass sie sich selbst die Frage stellen, was für eine Geschichte sie da eigentlich erzählen.


Ja, deine Heldin ist die Thronerbin eines fiktiven Reiches, und vielleicht hat sie eine grüne Schuppenhaut, bestellt ihre Pizza telepathisch und pinkelt Erdbeerbrause, aber das bedeutet noch lange nicht, dass man ihr Tun und Handeln von der realen Welt und ethischen Konzepten loslösen kann.

Fiktive Welten färben auf die Realität ab und umgekehrt. Wenn die grünhäutige Heldin jeden Konflikt mit dem Schwert löst, muss man sich die Kritik und den Vorwurf der Gewaltverherrlichung gefallen lassen – fiktiver Charakter hin oder her.


Wenn mir eine Autorin eine unsterbliche Liebesgeschichte verkaufen will, in der jede Handlung der männlichen Hauptrolle mindestens einen Tatbestand von Stalking und Erpressung erfüllt, dann kommen bei mir auch dann keine romantischen Gefühle auf, nur weil der gute Junge in der Sonne schön glitzert.


Dann mache ich mir nicht nur um mein Lieblingsgenre Sorgen, sondern vor allem um die Frauen, die diese Bücher lesen.


Also.


Nicht jedem Kritiker muss gefallen, was wir als AutorInnen schreiben, und nicht jeder muss das Genre, für das wir brennen, mögen. Auch muss nicht jedes Buch eine hochkomplexe Konfrontation mit der Gegenwart sein. Sollte es auch nicht. Realität ist anstrengend. Pausen von dieser Realität sind kein Luxus, sondern schwer nötig.


Und natürlich müssen Charaktere nicht immer nach den ethischen Idealen unserer Zeit handeln. Niemand mag Klugscheißer, Heilige und Moralapostel.


Nur sollte man problematische Verhaltensweisen nicht als Heldentaten oder Romanzen verkaufen – wenn nicht aus der Verantwortung, die man als Geschichtenerzähler hat, dann aus dem Argument des Realismus heraus. Denn jede Handlung und Entscheidung hat Konsequenzen. In der Realität und in der Fiktion. Alles andere ist faul und problematisch und wird zu Recht kritisiert.


Fantasy darf gern auch nur Unterhaltung und Eskapismus sein – ein Ausleben unserer feuchten Träume, eine Machtfantasie der Machtlosen, eine alberne Spinnerei, eine wilde Reise durch eine verzauberte Welt, in der wir unseren dringenden Urlaub von unserer Welt machen können. Aber auch so ein fiktiver Urlaub kann doch nur davon profitieren, wenn man ihn ein bisschen realistischer gestaltet.


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#fantasy #meinung #kritik


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