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  • Anne Nattermann

Die Krähen-Dilogie: gute Fantasy für junge Erwachsene, die ihr Herz gern an Charaktere verlieren

Updated: Nov 5, 2019

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Gute Fantasy für junge Erwachsene ist rar gesät. Die Krähen-Dilogie gehört zweifellos dazu und glänzt mit einer Riege an Charakteren, von denen sich jeder einzelne auf seine Weise zum Herzensbrecher entwickelt.

Leigh Bardugos Lied der Krähen folgt sechs jungen, aufstrebenden Kriminellen aus der Krähen-Bande, die das Leben aus allen Ecken der Welt nach Ketterdam geweht hat. Oberflächlich betrachtet haben sich diese ungleichen Gestalten für den Coup des Jahrhunderts zusammengefunden, der sie alle mit einem Schlag aus der ärmlichen, gefährlichen Hafenstadt befreien könnte. Aber schon nach den ersten Seiten wird klar, dass jeder dieser sechs Charaktere eine Geschichte mitbringt, die ein eigenes Buch füllen würde und dass es für keinen hier nur um eine Kiste voller Gold geht.


Das Lied der Krähen ist solide geschriebene Fantasy für junge Erwachsene, die düstere Welten, interessante Figuren, Spannung und Charakterentwicklung, garniert mit ein bisschen Herzschmerz mögen.


Auch in Gold der Krähen, dem zweiten Teil der Dilogie rund um die Krähenbande, finden sich die sechs liebenswerten Halunken wieder zusammen, denn in Leigh Bardugos Welt der Grisha, wie die us-amerikanische Autorin ihr Fantasy-Universum nennt, stolpert man in der Regel von einem Ärger in den nächsten.


Mit einer schönen Sprache und einem Handlungsaufbau, der an keiner Stelle Langeweile aufkommen lässt, zeichnet Bardugo ihre Charaktere (anti-)heldenhaft und dennoch auf eine rührende Weise verletzlich. Nach und nach lüftet sie die dunkelsten Geheimnisse und die schmerzhaftesten Momente der Krähen, die sie zu dem gemacht haben, was sie sind.


Anziehung und Abstoßung


Durch die unterschiedlichen Geschichten, Lebenseinstellungen und Motive der Krähen, gibt es zwischen den jungen Bandenmitgliedern immer wieder Reibereien, Misstrauen, aber auch eine ganze Menge Anziehungskraft. Hier unterscheidet sich die Krähen-Dilogie von anderer Fantasy für junge Erwachsene, die Gut und Böse, falsch und richtig, Zuneigung und Abneigung klar und einseitig definiert. Unter den Krähen und in einer Stadt wie Ketterdam, in der Loyalität, Mitgefühl und Aufrichtigkeit den Tod bedeuten können, sind die Dinge ein bisschen differenzierter. Wie im echten Leben eben.


Kopf des Himmelfahrtskommandos, das die Krähen zu Ruhm und Reichtum führen soll, ist Kaz „Dirtyhands“ Brekker – ein 17-jähriger Dieb, den das Unglück auf die Straßen Ketterdams gespült hat. Kaz ist berüchtigt für seine Skrupellosigkeit, seine emotionslose, geheimniskrämerische Miene und seinen Hang zu ausgeklügelten Betrügereien.


Ein neuer, liebevoller Zugang zum Klischee des abgebrühten Diebs


Normalerweise kann man mich mit diesem Archetyp des schweigsamen, coolen, mysteriösen Diebes nicht mehr hinter dem Ofen hervorlocken, aber Leigh Bardugo schafft es, auf eine subtile Weise durchblicken zu lassen, dass der Schein bei Kaz oft trügt. Und tatsächlich gaunert sich dieser Halunke schnell in mein abgeklärtes Leserinnen-Herz.


Das haben wir vor allem Inej Ghafa zu verdanken, der rechten Hand des Meisterdiebes. Die junge Frau hat eine Verbindung zum Bandenanführer, die keiner von beiden so recht verstehen oder ergründen will. Und diese Verbindung springt bald auf die Leserin über und lässt beide Charaktere auf eine sehr viel verwundbare Art und Weise dastehen, als es ihnen wohl lieb wäre. Denn auf dem unbarmherzigen Pflaster Ketterdams zeigt niemand Schwäche, der den nächsten Morgen sehen will.


Funkt es hier überall, oder bilde ich mir das ein?


Falls die zarte Zuneigung zwischen Kaz und Inej nicht jedes Herz der LeserInnen erweicht, dann haben wir ja noch vier andere Charaktere, die diesen Job mindestens genauso gut erledigen können. Während Kaz und Inej mehr eint, als trennt, kracht es zwischen Matthias und Nina gewaltig. Wie sollte es auch anders sein, wenn der eine hauptberuflich Magier jagt und die andere zufällig eine entlaufene Magierin ist?


Ach ja, Magie! Magier werden in dieser Fantasy-Welt Grisha genannt. Grisha können Stürme heraufbeschwören, Gesichter von Menschen derart verändern, dass sie fremde Identitäten annehmen können und Herzen mit einer Berührung zum Stillstand bringen. Letzteres ist Ninas Spezialität, denn sie ist eine Entherzerin.


Grishas stehen in der Krähen-Welt für gewöhnlich im Sklavendienst der wohlhabenden, herrschenden Klasse. Nina hat es geschafft, der Versklavung zu entfliehen, aber nur deshalb, weil sie den mürrischen, stoischen Hexenjäger Matthias aus dem Norden erst um den Finger gewickelt und dann verraten hat. Keine gute Voraussetzung für Herzklopfen und Knistern, meint ihr? Ich bitte euch!


Wenn die gefährliche Magierin aber diese roten Lippen hat ...


Nina wäre nicht Nina, wenn sie nicht auch diese harte Nuss geknackt kriegte und den pflichtergebenen Matthias erst von dem Plan eines unmöglichen Coups und dann von ihren üppigen Rundungen überzeugen würde.


Für mich ist dieses Feind-steht-auf-Feindin-Ding ja wie legales Crack. Wer aber auch damit nicht zu kriegen ist, für den haben wir noch zwei weitere Bandenmitglieder, die eine etwas schüchternere, unschuldige Annäherung hinlegen: Jesper und Wylan – der Meisterschütze und der entehrte Spross aus gutem Hause. Die beiden Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein und schaffen es doch, sich gegenseitig aus der Reserve zu locken und füreinander genau das zu sein, was der andere braucht.


Aber ich will nicht den Eindruck entstehen lassen, dass es in der Krähen-Dilogie nur um die Frage ginge „Wer kriegt wen und wie?“ Das Lied der Krähen und das Gold der Krähen sind Geschichten vom Erwachsenwerden, von Freundschaft, Vertrauen und vom Heilen alter Wunden. Und dann ist da ja noch der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte: der unmögliche Coup.


Mission Impossible? Vielleicht.


Kaz und seine Krähenbande haben einen Auftrag bekommen, der waghalsig, wenn nicht sogar wahnsinnig ist. Dementsprechend hoch ist aber auch die Belohnung. Und weil Kaz Brekker, der Bastard des Barrels, bekannt dafür ist, unmögliche Dinge zu schaffen, willigen der Auftraggeber und auch die Krähen in den Deal ein.


Bei der Planung und Durchführung des Coups lässt Leigh Bardugo uns oft im Dunkeln tappen und verwirrt LeserInnen genauso wie die Mitglieder der Bande. Aber wenn Kaz’ Pläne aufgehen und alle Puzzleteile perfekt ineinanderfallen, wird schnell klar, warum sich der junge Dieb als kriminelles Genie einen Namen gemacht hat.


Aber die Geschichte um die Krähen würde nicht zwei Bücher einnehmen, wenn Kaz’ Pläne immer glattliefen. Nicht alles in der Welt der Grisha ist, wie es scheint und nicht jeder Verbündete hat ein gemeinsames Ziel vor Augen. Die Krähen müssen sich gemeinsam durch Verrat, Zwickmühlen und handfeste Auseinandersetzungen kämpfen, manchmal sogar untereinander. Aber immer macht es Spaß, ihnen dabei zuzusehen.


Hier wird nicht mit der Fantasy-Schablone gezeichnet


Unbedingt positiv zu erwähnen ist dabei die Diversität der Gauner-Riege, die Bardugo in ihrer Krähen-Serie an den Start gehen lässt: Kaz quält sich nicht nur mit etwas, das ich auch als Nicht-Psychologin getrost als posttraumatische Belastungsstörung beschreiben kann. Auch plagt den armen Kerl eine körperliche Behinderung, die ihn humpeln und chronische Schmerzen leiden lässt. Auch den Rest der Helden sticht Leigh Bardugo nicht mit der Fantasy-Schablone aus.


Zwei im Bunde der Krähen sind People of Color, Nina hat ordentlich Kurven, Jesper und Wylan bandeln ohne großes Theater in einer gleichgeschlechtlichen Liebesgeschichte an. Inej und Nina, die beiden Frauen in der Krähen-Bande, verbindet eine liebevolle Freundschaft. Damit schafft Bardugo eine Ebene von Realismus und Repräsentation, die Fantasy oft vermissen lässt.

Also.


Ich empfehle Leigh Bardugos Das Lied der Krähen und Das Gold der Krähen uneingeschränkt für Fans fantastischer Gauner-Geschichten mit Charaktertiefe. Die Krähen-Dilogie ist längst kein Geheimtipp mehr, wenn es um gute Fantasy für junge Erwachsene geht, und die Autorin erweitert nach dem großen Erfolg ihrer Geschichten um Kaz Brekker und Co. regelmäßig ihre Welt der Grisha mit neuen Romanen.




Von mir bekommt die Krähen-Dilogie vier von fünf Krähenköpfe. Ein halbes Köpfchen Abzug gibt es, weil ich einen Teil der Handlung hatte kommen sehen und es mir trotzdem das Herz gebrochen hat. Und den anderen halben Kopf behalte ich ein, weil Bardugo eine Bande von 17-Jährigen zeichnet, die über mehr Kompetenzen verfügen als die meisten 70-Jährigen. Zwar ist es niedlich und auch nachvollziehbar, dass sich Kaz und Matthias wie alte Männer verhalten, aber es wäre dennoch realistischer gewesen, das Alter der Protagonisten ein bisschen höher anzusetzen.


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