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  • Anne Nattermann

Im Zeichen des Raben: düstere Fantasy mit Antihelden

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"Im Zeichen des Raben" kommt düster, vulgär und depressiv daher. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird mit einem interessanten Charakter und einer berührenden Geschichte belohnt

Ryhalt Galharrow ist Hauptmann der Schwarzschwingen, einem Trupp hartgesottener, zerlebter Typen, die gegen dämonische Wesen und manchmal auch gegen menschliche Zeitgenossen ins Feld ziehen. Dabei ist jedes Mittel recht: Folter, Mord, Erpressung. Damit steht unser Protagonist nicht gerade gut da – vor anderen nicht und vor sich selbst noch viel weniger.


Das Böse, das wie ein Schatten über dieser Welt und über der Seele unseres Protagonisten Galharrow hängt, scheint übermächtig. Die gottgleichen Namenlosen und die noch mächtigeren Könige aus der Tiefe treiben ihr Unwesen im Land. Letztere haben dem Menschenreich den Krieg angesagt, da seine reine Existenz eine Beleidigung des Göttlichen ist.


Und wenn man der Truppe um Galharrow auf ihrer Reise durch ein von bösartiger Magie verdrehtes Land folgt, kann man es den Göttern nur bedingt übel nehmen, dass sie so empfinden. Der Hauptmann ist ein Spieler und Trinker, seine Waffenschwester Nenn eine üble Schlägerin, sein Navigator Tnota vögelt jeden willigen Kerl, der ihm über den Weg läuft.


Aber dieses Gefühl der geteilten Abneigung währt nicht lange, denn Ed McDonald findet einen ungeschönten, unaufdringlichen Weg, uns für seine drei Fantasy-Antihelden zu erwärmen. Wie auch in der realen Welt, hat jeder dieser drei abgeranzten Gestalten eine Geschichte, die andere Menschen in den Wahnsinn oder in den Freitod getrieben hätte. Und auch wenn Galharrow dem Sufftod sicher schon ein paarmal die Hand geschüttelt hat, gibt er den Kampf gegen die feindliche Übermacht noch nicht ganz an die Flasche auf. Weder er selbst noch der Autor fordern sich dafür Applaus ein – ganz im Gegenteil. Vielleicht ist es das, was Galharrow trotz des Mangels an Tugenden ein paar Sympathiepunkte einbringt.


Düster, derbe, dreckig – weil Kämpfen nicht sexy ist


Galharrow, Nenn und Tnota haben die besten Jahre und einige waffenschwere Auseinandersetzungen hinter sich, die sie nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich vernarbt haben. Keiner unserer drei Antihelden ist nach so vielen Kämpfen und durchzechten Nächten schön anzusehen oder anzuhören. Und falls es mal Bücher mit olfaktorischem Feature geben sollte, die einen nicht nur mitfiebern, sondern auch mitriechen lassen, hoffe ich, dass ich das nicht mehr erleben muss.


So düster und derbe wie „Im Zeichen des Raben“ beginnt, so geht die Geschichte auch weiter. Ed McDonald führt seine LeserInnen nur langsam und ganz selbstverständlich nebenbei in eine komplexe Fantasy-Welt ein. Für einige mag das unbefriedigend oder verwirrend sein. Ich mag diese beiläufige Einführung, weil es mir das Gefühl gibt, selbst ein Teil der Welt zu sein, in der mich der Autor nur an wichtige Details „erinnert“, statt mich mit Informationslawinen zu überrollen.


Drei Antihelden, zwölf verschiedene Komplexe und eine Mission


Nach einem Einsatz im Elend – einer besonders gefährlichen, von magischem Spuk beseelten Gegend dieser Welt – glauben Galharrow und seine Schwarzschwingen auf einer Militärstation verschnaufen und sich verdient volllaufen lassen zu können. Doch unsere drei Antihelden geraten in einen Angriff übermächtiger, dämonischer Gestalten, und statt zur Flasche müssen sie erneut zum Schwert greifen. Eigentlich haben die drei schon genug damit zu tun, ihre eigenen Hälse zu retten. Aber Hauptmann Galharrow steht im Dienst des halbgottartigen Wesens Krähenfuß, der ihm den Auftrag gibt, eine Magierin zu beschützen, die sich ebenfalls auf der Station befindet.


Die Lichtspinnerin, die Galharrow und seine Schwarzschwingen zu beschützen beauftragt wurde, soll Entscheidendes dazu beitragen, den Kampf gegen die Könige aus der Tiefe endgültig für die Menschheit zu gewinnen. Aber die Frau, die da mit ihrer faszinierenden und furchteinflößenden Gabe Mondlicht spinnen und in verheerenden Entladungen wieder freisetzen kann, ist nicht irgendwer. Galharrow erkennt in der jungen Magierin seine Jugendliebe Ezabeth Tanza wieder, die er zusammen mit seinem Ehrgefühl, seiner Güte und seiner Hoffnung hinter sich zurückgelassen geglaubt hatte.


Wenn ein totgeglaubtes Herz wieder zu schlagen beginnt


Ezabeth Tanza sieht noch genauso aus, wie damals, als sie fast noch Kinder, als sie noch vielversprechende Abkömmlinge wohlhabender Häuser gewesen waren. Die mysteriöse Magierin behält lange ihr Geheimnis für sich, und Galharrow findet erst spät den Mut, sie auf dieses so verdammt offensichtliche Geheimnis anzusprechen. Das hat mich anfänglich ziemlich genervt. Im Nachhinein betrachtet, macht Galharrows und auch Ezabeths Zurückhaltung Sinn, denn für beide wühlt das Wiedersehen mehr von einer längst zurückgelassenen Vergangenheit und aufgegebenen Träumen auf, als sie sich leisten können.


Trotzdem wird Ezabeth bald zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und einer Verschwörung, die die Menschheit schnell die Resthoffnung und dem Feind die letzte Zurückhaltung rauben könnte, wenn sie ans Tageslicht käme. Zusammen muss sich unsere Bande aus Antihelden Ränkespielen, Verrat, Spionage und seelenkorrumpierenden Gegnern stellen. Und dann sind da auch noch diese verdammten Gefühle von Zuneigung, Ehre und Pflicht, die sich durch die Gesellschaft der fremden Frau mit dem bekannten Gesicht in Galharrow wieder zu regen beginnen. Lästig sowas ...


Unter all dem Dreck glänzt es


Ed McDonalds Fantasy-Debüt „Im Zeichen des Raben“ glänzt mit einem angenehmen, originellen Erzähltempo, coolen Eigennamen, einem interessanten Magie-Konzept und einem realistischen Protagonisten, der uns tiefe Einblicke in seine Seele gibt. Diese Seele ist schwer beladen mit Schuld und Sucht, und obwohl immer wieder betont wird, was Galharrow für ein Scheißkerl ist, muss man auch in unserer Welt erst mal jemanden finden, der sich unter unmenschlichen Umständen soviel Menschlichkeit und Liebe bewahren kann wie er.


Und nach einem Autoren muss man auch erst mal suchen, der einen hartgesottenen Antihelden und eine so umbarmherzige, gewalttätige Welt auf eine so erfrischend unchauvinistische Art und Weise zeichnen kann. In der Welt, durch die sich Galharrow bewegt, kämpfen und leben Männer und Frauen, Homos und Heteros ohne Theater nebeneinander. Frauen füllen in dieser Welt alle Stellungen aus und nicht nur ein paar ausgesuchte Quotenposten. Frauen sind geachtete Strateginnen und Wissenschaftlerinnen, Laufburschen und Kanonenfutter. Das sollte man im 21. Jahrhundert nicht mehr explizit erwähnen müssen, fällt mir aber leider noch immer als besonders auf.


Und dann dieser Protagonist!


Hauptmann Ryhalt Galharrow wird den LeserInnen als versoffener, abgeklärter Haudegen vorgestellt, der sein Ehrgefühl gegen seinen Soldatensold eingetauscht und all seine Gefühle dem Pragmatismus untergeordnet haben soll. Tatsächlich ist Galharrow aber ein auffallend feinsinniger, sensibler Kerl, der auch noch den letzten Rest seiner Seele hergibt, um seine Freunde zu retten. Und wenn Gefühle mit Alkohol heruntergespült werden müssen, dann nicht aus falsch verstandener Männlichkeit, sondern weil der permanente Kampf darum, den nächsten Tag erleben zu dürfen, einem wenig Zeit für tiefsinnige Reflexionen, Trauma-Therapie und Selbstverwirklichung lässt.


Der feine Unterschied zwischen Gewalt und Gewaltverherrlichung


Die Darstellung von Gewalt fällt mir ähnlich positiv auf. McDonald macht keinen Hehl daraus, wie dreckig und unheroisch ein Kampf ums Leben ist und dass auch die härtesten Kerle und Weiber in einem unglücklichen Moment eine Nase, ein Bein oder mehr einbüßen müssen, wenn es das unbarmherzige Schicksal so will. In Galharrows Leben geht es brutal und blutig zu, aber nicht weil Blutvergießen fetzt oder es sich unser Protagonist so gewünscht hat, sondern weil es in diesem Krieg um alles geht und der Feind schwindelerregend mächtig ist.


Trotz dieser Übermacht des gottgleichen Gegners und dem noch mächtigeren Sog der Flasche ist „Im Zeichen des Raben“ kein erdrückend-düsteres Fantasy-Buch. Und während ich dem Hörbuch gelauscht habe, musste ich mich oft fragen, warum mich diese Geschichte mit ihrer fahlen Stimmung und den trostlosen Gedanken eines spielsüchtigen Trinkers mich nicht ebenfalls zur Bierflasche oder in eine spontane depressive Episode treibt. Vielleicht liegt es am Sprecher Josef Vossenkuhl, der die Geschichte so kunstvoll und empathisch liest. Vielleicht schwingt aus seiner Stimme noch ein bisschen Rest-Hoffnung mit. Vielleicht ist es aber auch einfach der Autor, der weiß, wie man gute Fantasy-Antihelden schreibt, mit denen man mitfiebert. Man wünscht ihnen, dass sie das Leben doch noch nicht kleinkriegt und dass sie sich in einer so erbarmungslosen Welt einen Platz erkämpfen, in dem es Freundschaft, Treue, Vergebung und Liebe geben kann.


Ein Buchtipp für Fans von düsterer Fantasy mit Herz und Menschlichkeit


„Im Zeichen des Raben“ ist düstere Fantasy mit Antihelden, die sich einem ins Herz pöbeln, von einem Autor, der keine Angst vor Hässlichkeit und schweren Themen hat und der einen dazu inspiriert, über seine eigenen Schatten hinauszuwachsen.




Von mir bekommt „Im Zeichen des Raben“ 4 von 5 magische Batterie-Spulen. Einen Abzug gibt es dafür, dass mir ein Teil der finalen Auflösung ein wenig zu abstrakt war und das Böse wie so oft in dem Genre ein bisschen zu grundlos böse war. Ansonsten spreche ich für Ed McDonalds Debüt eine Leseempfehlung für Freunde düsterer Fantasy und raubeinigen Antihelden aus, die sich nicht vor derber Sprache und Suchtthemen scheuen.


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