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  • Anne Nattermann

Empire of Storms – Ein paar ungewöhnliche Fantasy-Charaktere und ein paar ausgelutschte

Updated: Nov 5, 2019

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Wenn man Nebencharaktere viel lieber mag, als die Protagonisten ...

Pakt der Diebe ist Jon Skovrons Auftakt zu seiner ersten epischen Fantasy-Reihe für Erwachsene. Bislang hatte sich der us-amerikanische Autor mit seinen Romanen auf ein jüngeres Publikum spezialisiert. Mit Empire of Storms spricht Jon Skovron jetzt ältere und hartgesottenere Leser und Leserinnen an und kann einige ungewöhnliche Fantasy-Charaktere auffahren. Leider bedient er sich auch nicht weniger Konzepte, die in dem Genre nicht so ungewöhnlich, sondern meinem Empfinden nach ziemlich ausgelutscht sind.


Ungewöhnliche Fantasy-Charaktere, leider nicht die Protagonisten


Pakt der Diebe beginnt mit einem Archetyp, der so alt ist wie das Genre selbst und der sogar mich als ungenierte Heulsuse nach ungefähr einer Milliarde gelesenen Fantasy-Büchern nicht mehr wirklich berühren kann:


Junges, unschuldiges Mädchen

Familie stirbt durch ein skrupelloses Böses

Mädchen wird zur Ausnahmekriegerin unter Männern

Diese Männer wollen ihr ans Leder, beziehungsweise an die Wäsche

Mädchen schwört ewige Rache für den Mord an ihrer Familie


Na gut, kann man alles machen, schließlich zeichnet Jon Skovron mit dem ersten Teil von Empire of Storms eine Welt, die nicht viel Grundlage für erfüllte, behütete Kindheiten liefert. Es gibt ein machthungriges Imperium, marodierende Monster-Magier, rivalisierende Diebesbanden, raubeinige Piraten und vermutlich noch keine nennenswerten Menschenrechtsorganisationen. Insofern ist die junge Waise, die sich zum Kriegerinnen-Wunderkind mausert, vielleicht kein ungewöhnlicher Fantasy-Charakter, aber in ihrer Welt zumindest stimmig.


Die Kriegermaid, das Wunderkind und das lausig motivierte Böse


Das Kriegermädchen, das alsbald zur hinreißend schönen Kriegermaid wird, heißt übrigens Bleak Hope (zu deutsch: düstere Hoffnung). Sie ist benannt nach dem zerstörten Fischerdorf, das einst ihre Heimat war und bestimmt auch ein bisschen nach den Plänen des Autors, die er womöglich für diesen Charakter hegt.


Der zweite Protagonist im Bunde ist Red, der nicht nur so heißt, weil er rote Augen hat, sondern auch, weil man auf den Straßen der Paradieskehre nicht mit dem Namen Rexidenteron herumlaufen kann, ohne dass einem jemand dafür die Nase bricht. Genau wie Hope hat Red einen Mentor, der verhindert, dass er in der erbarmungslosen Großstadt sein Leben verliert, bevor es richtig angefangen hat.


Und obwohl mich Empire of Storms – Pakt der Diebe durch die etwas ausgelutschten Archetypen von Anfang an nicht wirklich mitreißen konnte, ist Reds Mentorin ein Charakter, der mir immer lebhaft in Erinnerung bleiben wird.

Die alternde Piratin, die sich des verlorenen Jungen annimmt, wird auf den Straßen der Paradieskehre liebevoll Sadie die Ziege genannt. Tatsächlich steht Sadie in Charme, Schönheit und Überzeugungskraft einer Ziege in nichts nach und hat sich seit der ersten Seite in mein Herz gepöbelt.


Fantasy mit Schnauze


Überhaupt wird in Jon Skovrons Pakt der Diebe viel gepöbelt. So ziemlich alles in dieser Welt ist „verpisst“ und „verschwanzt“, aber im Gegensatz zu dem etwas in die Jahre gekommenen Konzept der schönen Kriegerprinzessin Hope und dem begnadeten Waisenjungen Red, würzen die großmauligen Halunken die Geschichte mit ein paar ungewöhnlichen Gestalten. Und sie sind deshalb ungewöhnliche Fantasy-Charaktere, weil sie weder glänzen, keine sonderlich ruhmreiche Geschichte hinter oder vor sich haben und weder schön anzusehen noch anzuhören sind.


Sadie die Ziege ist ein Original, denn besonders weibliche Figuren dürfen in Fantasy-Büchern selten unbequem, alt und hässlich sein, ohne dass sie von Autoren und Autorinnen für die Antagonisten-Rolle gecastet werden.


Ein paar ungewöhnliche Fantasy-Charaktere machen noch keine ungewöhnliche Fantasy-Geschichte


Empire of Storms – Pakt der Diebe mag mich nicht dazu hingerissen haben, auch den nächsten Teil zu Ende zu lesen, aber wenn Sadie und ihre Seebären eine eigene Romanreihe bekommen, bin ich mit Feuer und Flamme dabei.


Statt auf Sadie konzentrieren wir uns jedoch auf Hope und Red, die – wie sollte es auch anders sein – als junge Erwachsene zusammenfinden und sich gegenseitig in den Ärger des anderen verwickeln. Natürlich tun sich die beiden nicht nur zusammen, um den Machenschaften der Biomanten (die zuvor erwähnten Monster-Magier) Einhalt zu gebieten, sondern weil junge, gutaussehende Menschen noch andere Dinge im Kopf haben, als Imperien zu stürzen. Ich will mal nicht so tun, als hätte ich nicht einen Aufstand angezettelt, wenn es anders gekommen wäre. Manche vorhergesehenen, überstrapazierten Fantasy-Konzepte haben doch durchaus ihre Daseinsberechtigung.


Im Zusammenspiel mit Sadie und Hope gewinnt unser rotäugiger Held Red im Laufe der Geschichte durchaus an Profil und Sympathie, da er sich in dieser grausamen, gewalttätigen Welt noch einen Funken Güte, Sanftmut und Humor bewahrt hat. Hope hingegen bleibt die kühle Blonde aus dem hohen Norden mit den coolen Kill-Moves.


Und dabei sind wir auch schon bei dem, was mich nicht nur in Jon Skovrons Pakt der Diebe stört, sondern sehr oft in der epischen Fantasy: Es wird gemordet, was das Zeug hält, ohne sichtbaren Einschlag auf die Persönlichkeit der Akteure, nicht auf die Geschichte oder die Sympathie, die uns der Autor für die Protagonisten abluchsen will.


Gewalt in der Fantasy ist okay. Aber ...


Ich habe kein Problem damit, dass man Gewalt in Büchern in aller Deutlichkeit zeigt. In einer Welt, die nun mal so unbarmherzig ist wie die, die Jon Skovron in Empire of Storms zeichnet, ist es eine Frage von Glaubwürdigkeit und Konsequenz, dass nun mal viele Köpfe rollen. Und wer ungewöhnliche Fantasy-Charaktere mag, darf sich nicht darüber mokieren, wenn diese Charaktere ungewöhnliche, unpopuläre Dinge tun.


Wenn unsere kämpfenden Helden aber zu jedem rollenden Kopf noch einen witzigen Spruch und eine hübsch choreografierte Siegespose hinlegen, dann darf die Frage erlaubt sein, ob der Autor nicht aus Gründen der Authentizität Mord und Totschlag in seine Geschichte einbringt, sondern weil er findet, dass Gewalt fetzt.


Weil sich die Helden in ihren Problemlösungsstrategien tatsächlich hauptsächlich durchs Köpfeabhacken hervortun, überrascht es niemanden, dass am Ende auch genau so der finale Kampf gegen das Böse entschieden wird. Ach so, und das Böse ist wie so oft auch nur deshalb böse, weil’s eben böse ist.


Es hätte schön werden können


Jon Skovrons Empire of Storms hält für mich eine nicht ganz unspannende Welt parat, und weil das Ende dann doch nicht so ganz wie geplant für unsere Helden läuft, war ich auch geneigt, den zweiten Teil der Serie zu lesen. Leider geht es auch in Im Schatten des Todes so weiter, wie es angefangen hat – setzt sogar noch einen drauf. Beim Lesen des ersten Kapitels hatte ich das Gefühl, im Kino zu sitzen und auf der Leinwand einen Actionfilm zu schauen, in dem die (vielleicht doch aus Versehen ein klein bisschen liebgewonnen) Charaktere zu cooler Mucke Köpfe abschlagen.


Da endet dieser „Gewaltporno“ leider für mich, auch wenn mich das Geheimnis, das Red seit frühster Kindheit mit sich herumzutragen scheint, durchaus interessiert hätte und ich mich an dem ein oder anderen ungewöhnlichen Fantasy-Charakter von Pakt der Diebe erfreut habe.


Fazit




Ich gebe Jon Skovrons Herr der Diebe zweieinhalb von fünf Ziegenköpfen, von dem mindestens einer Sadie der Ziege gehört, einem der männlichen Hauptrolle Red, weil ich ihn dann doch ein bisschen mochte und einen halben Ziegenkopf für derbe, kreative und authentische Schimpfwörter.


Wer sich nicht an völlig unkritisch dargestellter Gewalt, derben Umgangsformen und einigen überstrapazierten Genre-Schablonen stört, der wird mit John Skovrons Empire of Storms Reihe vielleicht ein paar unterhaltsame Nachmittag verbringen. Zwei, drei ungewöhnliche Fantasy-Charaktere können den Rest der Handlung für mich leider nicht aufwiegen.


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